Stasi-Unterlagenbeauftragter war zu Gast bei „Lischka trifft“

Zwischen Widerstand und Anpassung

Der Lichtsaal im Familienhaus Magdeburg war gut gefüllt, als Burkhard Lischka am 2. Mai zu einer neuen Talkrunde seiner Reihe „Lischka trifft“ eingeladen hatte. Auf dem Podium begrüßte er den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR, Roland Jahn. Ein sympathischer, authentischer Talkgast mit ganz viel Lebenserfahrung im Gepäck. Denn der gebürtige Jenaer gehörte in den 1970er und 1980er Jahren als Bürgerrechtler zur DDR-Opposition. Dem SED-Regime und der Stasi war er seitdem ein Dorn im Auge, weshalb sie ihn im Juni 1983 zwangsausbürgerte. Roland Jahn ließ sich dann in West-Berlin nieder und wurde dort zum wichtigsten Unterstützer der DDR-Opposition. Mit dem Fall der Mauer begann für ihn als Journalist des ARD-Magazins Kontraste die journalistische Aufarbeitung der DDR. Seit 2011 leitet Roland Jahn die Stasi-Unterlagen-Behörde.

„Hat sich Ihr Blick auf die SED und die Stasi in den letzten Jahren gewandelt?“, will der Moderator von seinem Gast wissen. „Ja, klar. Mehr hin zum Dialog und zum Bestreben des gegenseitigen Respektes und Verstehens“, entgegnet Jahn. Befragt nach den Anfängen seiner Regimekritik, erzählt Roland Jahn eine Episode aus seiner Jugendzeit. In den 1960er Jahren wollten alle Westmusik hören und lange Haare tragen, aber die Lehrer hätten dies verboten, einen Schulfreund mit langen Haaren sogar aus dem Unterricht geholt und zum Friseur geschickt. Das habe Jahn zum Anlass genommen, im Ostberliner Volksbildungsministerium dagegen zu protestieren. Einem Abteilungsleiter hätte er die Sache vorgetragen und argumentiert: „Karl Marx hatte auch lange Haare.“ Am Ende seien lange Haare an Jahns Schule wieder erlaubt gewesen. Burkhard Lischkas Talkgast erzählt weiter über seine Exmatrikulation von der Uni nach Jahns Kritik an der Biermann-Ausbürgerung 1976, über seine Verhaftung durch die Stasi 1982, die anschließenden Schikanen, die sein Vater erleiden musste, und schließlich seine Ausbürgerung 1983. „Die Freiheit des Westens ist nur die halbe Freiheit, solange die Mauer steht“, schildert Roland Jahn seine Gedanken nach Ankunft im Westen. Das sei der wesentliche Grund gewesen, sich weiter für die DDR-Opposition einzusetzen. Er wollte, dass lebendige Bilder vom Leben in der DDR samt Städtezerfall, Umweltverschmutzung und Wahlbetrug über das Fernsehen in die DDR-Wohnzimmer kommen. Jahn erzählt, wie er dazu Videotechnik in den Osten schmuggeln ließ, mit der die Massendemo in Leipzig am 9. Oktober 1989 mit 70.000 Menschen heimlich gefilmt und von den ARD-Tagesthemen ausgestrahlt wurde und dass er Tränen in den Augen hatte, als er die Aufnahmen sah. Dann spann Moderator Lischka den Bogen zu Jahns heutiger Tätigkeit, zu den aktuellen Aufgaben der Stasi-Unterlagenbehörde. Dieser kam unter anderem auf den Bildungsauftrag zu sprechen, darauf, die junge Generation für das Leben in der DDR-Diktatur zu interessieren – in all ihren Facetten zwischen Widerstand und Anpassung. Es seien übrigens auch häufig die Enkel, die ihre Großeltern ermutigten, Einsicht in ihre Stasiakten zu beantragen. Wichtig sei es, so Jahn, deshalb die Akten dauerhaft zugänglich machen. Er sei dankbar für einen entsprechenden Beschluss des Bundestages 2016, der dies mit Blick auf die geplante Weiterentwicklung der Behörde ermögliche.