Der starke Mutmacher – Burkhard Lischka im Gespräch mit Bundespräsident a.D. Christian Wulff

Der starke Mutmacher – Burkhard Lischka im Gespräch mit Bundespräsident a.D. Christian Wulff

Ein volles Haus gab es am Abend des 22.02.2017 bei der Magdeburger Firma regiocom. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka hatte den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff im Rahmen seiner Talkreihe „Lischka trifft“ dorthin eingeladen, um mit ihm über Persönliches und Politisches zu sprechen. Entsprechend groß war der Andrang mit rund 200 Publikumsgästen.

„Zu Beginn eine ganz banale Frage: Wie geht es Ihnen?“, wählte Burkhard Lischka den Einstieg in die Talkrunde. Es gehe ihm gut, er sei zufrieden, so Christian Wulff. Die Familie, das Private sei wieder beieinander, und er könne sich wieder den Themen widmen, die ihm wichtig seien. „Vermissen Sie etwas nach Ihrer Zeit als Bundespräsident?“, wollte der Moderator wissen. Wulff: „Ich bin immer sehr dankbar und glücklich gewesen über die Möglichkeit, sieben Jahre als Ministerpräsident in Niedersachsen politisch gestalten zu können. Das gilt auch für meine Zeit als Bundespräsident, ich bin sehr dankbar dafür und hatte auch die Unterstützung vieler Menschen. Beim Großen Zapfenstreich habe ich schon überlegt, dass andere Präsidenten dann 65, 70 Jahre alt sind. Das war bei mir ja etwas anders. Aber, ich vermisse nichts und bin sehr dankbar für diese Zeit.“

Angesprochen auf die Situation in der Türkei, erklärte Christian Wulff, es sei dort eine sehr traurige Entwicklung, die Ursachen seien komplex und schwierig herauszufinden. Präsident Erdogan spreche auf besondere Weise den Stolz jener Türken an, die sich abgehängt fühlten. Das Land entwickle sich schleichend von der Demokratie weg. Er habe bedauerlicherweise in vielen Ländern der Welt erleben müssen, dass sich häufig Autokraten durchsetzten und nicht Menschen, die für den demokratischen Dialog und ethnische Minderheiten eintreten. „Ich habe in vielen Gesprächen gehört, dass Präsident Erdogan sich noch im Osmanischen Reich sieht“, so Wulff. „Dazu muss man sagen, dass bei der Ausarbeitung des Friedensvertrages von Versaille nach dem Ersten Weltkrieg mehr über einzelne Straßenzüge an der Grenze zwischen Deutschland und Belgien verhandelt wurde als über die Zukunft des Osmanischen Reiches. Ab 1923 kam es dann dort zu einer revolutionären Umwälzung durch den Staatsgründer Atatürk.“ Christian Wulff nennt als Beispiele die Abschaffung des Kalifats, das Verbot der traditionellen Kopfbedeckung der Männer und das Schleierverbot für Frauen. Präsident Erdogan hätte sich in diesem Zusammenhang auf das Nationalgefühl der Türken gesetzt und spreche deren Nationalstolz an.

„Sind wir durch den Flüchtlingsdeal als Deutschland und Europa erpressbar geworden?“, wollte der Moderator wissen. Der frühere Bundespräsident wies darauf hin, dass die gesamte Nachbarregion der Türkei – Syrien, Irak, Iran – in Unruhe sei. Wir bräuchten die Türkei, weil sie dort eine wichtige Rolle spiele. Genauso, wie Mexiko wichtig sei für die USA, damit nicht halb Südamerika in die USA immigriere, sei die Türkei wichtig für Europa. Sie kümmere sich gut um die Flüchtlinge, diese seien dort gut untergebracht.

„Wie haben Sie die Situation erlebt, als im Jahr 2015 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen?“, fragte Burkhard Lischka. – „Ich habe mich gefühlt wie zur Wende 1989, als viele DDR-Bürger nach Westdeutschland kamen. Ich habe gewusst, dass wir für die Aufnahme der Flüchtlinge viel leisten müssen, und dann gedacht: Europa versagt, weil sie nicht darüber gesprochen haben.“ Wulff erinnerte sich an eine Frage seines damals siebenjährigen Sohnes, der fragte, ob denn das Essen im Supermarkt noch reiche, wenn so viele Flüchtlinge kommen. Wulffs Antwort an seinen Sohn dazu: „Wenn 500 Kinder an Deiner Grundschule sind, und drei kommen noch dazu, dann müsste das doch zu schaffen sein.“ Er hätte jedenfalls viele gute Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Sie brächten viel Positives mit nach Deutschland und Europa, viel innovatives Potenzial. „Denken Sie an unsere Fußballnationalmannschaft“, so Wulffs Beispiel. „Ohne Spieler wir Boateng, Özil und Khedira wären wir bei der WM 2014 in Brasilien doch schon im Viertelfinale ausgeschieden. – „Eines können Sie mir glauben“, so der Bundespräsident a.D.. „Wir Deutschen beeinflussen die Muslime mehr als die Muslime uns. Wir müssen vor gar nichts Angst haben.“ Die Jubel-Berichterstattung im September 2015, als die Flüchtlinge auf dem Münchner Hauptbahnhof empfangen wurden, fand er seltsam, „weil jeder normale Mensch ahnte, da kommt einiges an Problemen auf uns zu. Ihm fehle häufig die Differenzierbarkeit, weil Sätze wie ‚Wir schaffen das‘ zu einfach seien.

In Bezug auf Christian Wulffs Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 03. Oktober 2010 in Bremen fragte Burkhard Lischka seinen Talkgast: „Haben Sie mit Blick auf Ihre Aussage: ‚Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ mit einer solch großen Diskussion gerechnet?“ Wulff stellte seine damalige Aussage in Zusammenhang mit dem 2010 erschienen Buch Sarazzins ‚Deutschland schafft sich ab‘, dem er etwas entgegensetzen wollte, und erinnerte an unsere Grundrechte wie die Würde des Menschen und die Religionsfreiheit. Wir spürten gerade einen ‚Wind of Change‘ – ‚America first‘, ‚Frankreich zuerst‘, ‚Großbritannien zuerst‘ – mit Bestrebungen hin zu Nationalismus, Isolationismus und Protektionismus. Christian Wulff hoffe sehr, dass uns dieser ‚Wind‘ nicht ereile, denn „wir würden dann alle eingeengter werden, Freiheiten verlieren und Kriege würden näher rücken.“ Dann zog er die große historische Linie Deutschlands in den letzten einhundert Jahren, vom ersten Weltkrieg und der Schlacht von Verdun über die kurze Zeit der Weimarer Republik, die Nazi-Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Sowjet-Kommunismus und zur Diktatur in der DDR. „Diese einhundert Jahre Deutschland sind ein Wimpernschlag der Geschichte auf blutdurchtränktem Boden“, so der Bundespräsident a.D.. Wulff warnte in diesem Zusammenhang vor einem Zusammenbruch der Europäischen Gemeinschaft: „Wenn Le Pen in Frankreich die Präsidentschaftswahl gewinnt, und Wilders in den Niederlanden, dazu vielleicht noch Skandinavien, dann ist Europa in drei Monaten tot. – Wenn man in der Demokratie einschläft, dann wacht man am Ende in der Diktatur auf. Die klingelt dann auch nicht an der Tür, sondern sie ist einfach da.“ Deshalb werbe das frühere Staatsoberhaupt für das vehemente Eintreten für die Demokratie und für politisches Engagement: „Die zweite Demokratie in Deutschland ist auch erst 70 Jahre alt, wir müssen uns für sie einsetzen.“ Die Menschen wüssten heute nicht mehr, was in fünf Jahren sei, er empfinde gegenwärtig eine Zeitenwende und warnte: „Wenn wir jetzt alles so wabern lassen und nicht entschlossen gegen diese Entwicklungen eintreten, dann kommen Dinge, die nicht in Ordnung sind. Diese Debatten und Schlachten, die jetzt geschlagen werden, müssen wir gewinnen.“

Auf Burkhard Lischkas Frage, ob die AfD eine verfassungsfeindliche Partei sei, antworte Christian Wulff, dies müsse das Bundesverfassungsgericht beantworten. Aber ausländerfeindlich sei sie allemal. Sie wolle Minderheiten ausgrenzen, stelle sich zum Beispiel auch gegen Schwule und Lesben. Die Pegida-Demonstrationen hätten eine verheerende Wirkung in der Welt gehabt, es kämen nun weniger Leute aus dem Ausland nach Deutschland, weil sie Angst vor Neonazis, vor Rechten hätten. Das sei erschütternd. „Die AfD-Leute haben weder in unser Grundgesetz geschaut noch in die Bibel. Obwohl sie das christliche Abendland für sich reklamieren und meinen, dieses zu verteidigen“, so Wulff.

„Wo sehen Sie Deutschland in fünf Jahren?“, fragte Burkhard Lischka seinen Talkgast. Deutschland sei in einem guten wirtschaftlichen Zustand, die Arbeitslosigkeit gering, ebenso die Inflation, und wir hätten positive stabile Persönlichkeiten. Er äußerte den Wunsch, dass das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl ein Weckruf für uns alle sei. Für Europa gelte es, die Außengrenzen zu sichern, eine effiziente gemeinsame Verteidigungspolitik zu entwickeln, Kontakt zu China und Russland zu halten, auch weiterhin gute Beziehungen zu Afrika, den USA, Kanada und Südamerika zu pflegen und uns insgesamt weltweit zu zeigen. Er schließe im Übrigen nicht aus, dass die Briten in drei Jahren nach dem Verhandlungsergebnis zum EU-Austritt sagen: „Das ist doch nicht so toll. Wir bleiben drin.“ Die Zukunft liege im Multikulturellen, im Multiethnischen. Künftig würden hierzulande neben den Kirchen weitere Moscheen und Tempel stehen. Und: „Wenn es bei uns funktioniert, dann sehen auch die anderen Länder, dass es bei ihnen funktionieren kann.“

„Wie erklärt sich der Bundespräsident a.D. die teilweise sehr hohe AfD-Zustimmung der Wähler?“, wollte ein Gast aus dem Publikum wissen. Es gäbe bei vielen Menschen grundsätzlich die Angst vor dem Fremden, vor dem Unbekannten, auch Wut auf die Parteien sowie teilweise zu wenig Selbstbewusstsein und Selbstvergewisserung. Am Ende werde die AfD hoffentlich nur eine Übergangserscheinung sein, so Christian Wulff. An die Zuhörer richtete er die Bitte: „Gehen Sie etwas mutiger nach Hause, als Sie gekommen sind!“ „Eingangs habe ich Sie als sanften Mutmacher vorgestellt. Heute Abend kann ich sagen: Sie sind nicht nur ein sanfter Mutmacher, sondern ein starker Mutmacher“, so Gastgeber Burkhard Lischka abschließend. Vom Publikum gab es starken Applaus für einen sehr sympathischen, aufrechten, offenherzigen Bundespräsidenten a.D..