„Endspurt“ – Burkhard Lischka im Gespräch mit Wolfgang Bosbach

Burkhard Lischka im Gespräch mit Wolfgang BosbachDie Stühle in der Stadtbibliothek Magdeburg sind am Abend des 29. November 2016 bis auf den letzten Platz gefüllt. Bestens gelaunt betreten zwei Bundespolitiker das Podium. Burkhard Lischka (SPD) hat Wolfgang Bosbach (CDU) in seine Heimatstadt eingeladen, um dessen neues Buch „Endspurt“ vorzustellen. Beide kennen sich aus dem Innenausschuss, man schätzt sich und ist auf Du und Du. „Er ist der Rauch- und Feuermelder der deutschen Politik. Er weiß, wie ‚seine Kundschaft‘ tickt und was die Wähler beschäftigt“, stellt Lischka seinen Bundestagskollegen vor. Er sei ein Politiker, der geradlinig seine Meinung vertritt, auch wenn sie in entscheidenden politischen Fragen von seiner eigenen Partei und Fraktion abweiche. Sein Markenzeichen sei das offene Wort.

Warum „Endspurt“, fragt der Gastgeber den CDU-Mann nach dem Titel dessen Buches mit dem Untertitel „Wie Politik tatsächlich ist – und wie sie sein sollte“, das im Gespräch mit dem Publizisten Hugo Möller-Vogg entstand. „Aus zwei Gründen“, so Bosbach, der nächstes Jahr nicht erneut für den Bundestag kandidiert. „Zum einen sind es die letzten zehn Monate bis zum Ende dieser Wahlperiode. Zum anderen strengt man sich zum Endspurt nochmal besonders an. Ich werde bis zum letzten Tag genauso hart arbeiten wie in den letzten 22 Jahren.“ Das kommt an beim Publikum und wird entsprechend mit starkem Beifall bedacht.

Burkhard Lischka im Gespräch mit Wolfgang BosbachDie nächsten neunzig Minuten sind Unterhaltung pur. Lischka liest einzelne Passagen aus Bosbachs Buch vor und stellt dazu Fragen. Der Rheinländer zeigt sich dabei von seiner gewohnt witzig-charmanten Seite und hat sichtlich Spaß daran.

„Warum bist Du nach der Realschule abgegangen?“, will Burkhard Lischka von seinem Talkgast, der das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg machte, wissen. Bosbach: „Ich habe eine intelligente Schwester, die bis zum Abitur nur Einsen nach Hause gebracht hat. Meine Noten waren hingegen nicht so beeindruckend. Ich hatte immer großes Interesse an den schönen Dingen des Lebens und machte für die Schule nie mehr als unbedingt notwendig.“

Von Burkhard Lischka nach einer Anekdote aus seiner Zeit als Supermarktleiter befragt plaudert Wolfgang Bosbach aus dem Nähkästchen: „Einmal kam ein älterer Kunde mit einer aufgebrochenen Flasche Asbach Uralt ins Geschäft. Die Flasche war halb leer, und er meinte: ‚Die Flasche ist irgendwie schlecht, ich möchte sie zurückgeben‘. Ich hatte zwei Möglichkeiten: den Mann abweisen und ihn womöglich als Kunden verlieren oder mit ihm ins Gespräch kommen. Er meinte dann, er hätte die Flasche mit seiner Skatrunde probiert und alle seien der Ansicht gewesen, damit stimme etwas nicht. Ich bin dann mit ihm in mein Büro gegangen und habe uns beiden ein Gläschen zum Testen eingeschenkt. Am Ende war die Flasche leer, und wir fanden sie gar nicht so schlecht. Der Mann blieb am Ende unser Kunde“, so Bosbach augenzwinkernd unter dem Beifall des Publikums.

„Was sagen Sie den Menschen, die meinen, ihr Politiker da oben steckt doch alle unter einer Decke?“, zitiert Lischka aus dem Buch. Und gleich Bosbachs Antwort dazu: „Politik verdirbt nicht den Charakter, aber es gibt Charaktere, die die Politik verderben.“ – „An wen hast Du dabei gedacht?“

Wolfgang Bosbach: „Ich habe dabei an diejenigen gedacht, die ihre Positionen für eigene Vorteile ausnutzen, die ihre Wähler täuschen und enttäuschen. Das Seltsame ist: 80 Prozent finden Politiker doof, und 90 Prozent freuen sich, wenn sie einen Politiker sehen. Warum das so ist, konnte ich mir noch nicht erklären.“ Sein Rat an Politiker: „Wir sollten mehr erklären als belehren. Die Leute beurteilen unsere Politik gern selbst.“

Burkhard Lischka im Gespräch mit Wolfgang BosbachBei der dritten Abstimmung im Bundestag über Deutschlands Finanzhilfen für Griechenland Anfang 2015 bekräftigt Wolfgang Bosbach nicht nur sein „Nein“, sondern sagt auch: „Jede Abstimmung ist auch eine Frage der Solidarität mit der Bundesregierung. Ich will nicht immer die Kuh sein, die quer im Stall steht.“ Auch als Konsequenz der Eurorettungspolitik der Bundesregierung tritt Wolfgang Bosbach schließlich im September 2015 als Vorsitzender des Innenausschusses zurück. Auf die Frage Lischkas, ob er sich als CDU-Rebell sehe, entgegnet Bosbach: „Ich möchte nur bei meiner Haltung bleiben, die die CDU früher hatte. Bezüglich der Eurogruppe war immer die Rede davon gewesen, dass wir eine Währungsunion sind, aber keine Haftungs- und Transferunion.“

Mit Blick auf den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl fragt der Moderator seinen Gast: „Braucht Politik mehr Populismus?“ – „Nein“, entgegnet Bosbach: „Trump hat nicht Klartext geredet, wie manche ihn gelobt haben. Sondern er hat dummes Zeug geredet, gegen Homosexuelle ausgeteilt, frauenfeindliche Äußerungen gemacht und er hat Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt. Das hat nichts mit Klartext zu tun.“ Sätze, für die Bosbach wieder viel Beifall erhält.

„Was schätzt Du an Angela Merkel?“ will Burkhard Lischka wissen. „Sie ist völlig uneitel und unprätentiös. So, wie sie schon vor 25 Jahren war. Und zurückhaltender als wir Rheinländer“, antwortet der CDU-Politiker und hat auch gleich eine Anekdote parat. Bei einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung im Jahre 2005 hätte Angela Merkel in ihrer Rede zunächst 20 Minuten lang die unterschiedlichen Charaktere zwischen Menschen aus ihrer Heimat Uckermark und dem Rheinland erklärt. Bosbach sei dann auf die Bühne gegangen und hätte gesagt: „Diesen Unterschied hättest Du auch einfacher erklären können: Der Höhepunkt auf der Feier zu Deinem 50. Geburtstag war der Vortrag eines Gehirnforschers. Der Höhepunkt auf der Feier zu meinem 50. Geburtstag war ein Auftritt der Band Die Höhner.“ Und schiebt unter Applaus hinterher: „Das ist beides wahr.“

Burkhard Lischka im Gespräch mit Wolfgang BosbachÜber seine Arbeit in Bergisch-Gladbach und Berlin schildert Wolfgang Bosbach: „Ich kriege pro Jahr etwa 11.000 Briefe. Und ich lese sie alle und beantworte rund 99 Prozent. Mitunter sind auch Leute dabei, die mir schreiben: ‚Sie Faulenzer. Machen nichts und kassieren einen Haufen Geld.‘ Die rufe ich dann auch gern mal am Abend gegen halb elf an, wenn ich meine Arbeit am Schreibtisch beende, um zu fragen, wie das gemeint war. Die Antwort ist dann meistens: ‚Herr Bosbach, wissen Sie nicht, wie spät es ist?‘“ – Lacher beim Publikum.

Zeit für Publikumsfragen, moderiert durch Burkhard Lischka, bleibt auch. Er verabschiedet das Publikum und entlässt es in den Abend, nicht ohne auf seine kommenden Talkrunden im nächsten Jahr hinzuweisen. Als Gäste kündigt er bereits an: den früheren Bundesinnenminister Otto Schily, Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, den langjährigen ARD-Europa-Korrespondenten Rolf-Dieter Krause und den Schauspieler Walter Sittler.

Der Verein „CAMS21 – Verbund für freie Medien“ hat die Talkrunde freundlicherweise gefilmt und online gestellt. Gern können Sie sich den Beitrag hier anschauen: