Angeregt diskutiert: Sterbehilfe vor Neuregelung

Am Dienstag, den 15.09.2015 wurde auf Einladung des SPD-Bundestagsabgeordneten Burkhard Lischka in Magdeburg ein sehr ernsthaftes Thema diskutiert: Darf jemand einem unumkehrbar sterbenskranken, leidenden Menschen bei dessen festem Wunsch helfen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden? Wie soll die Sterbehilfe, der assistierte Suizid, im November dieses Jahres vom Deutschen Bundestag gesetzlich geregelt werden? Zur Diskussion hatte sich der SPD-Bundespolitiker hochkarätige Gäste eingeladen: die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, den Gesundheitspolitiker und stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Prof. Dr. Karl Lauterbach, den Facharzt für Onkologie und Hämatologie am Städtischen Klinikum Magdeburg Dr. Christoph Kahl sowie die SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Katrin Budde.Am Dienstag, den 15.09.2015 wurde auf Einladung des SPD-Bundestagsabgeordneten Burkhard Lischka in Magdeburg ein sehr ernsthaftes Thema diskutiert: Darf jemand einem unumkehrbar sterbenskranken, leidenden Menschen bei dessen festem Wunsch helfen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden? Wie soll die Sterbehilfe, der assistierte Suizid, im November dieses Jahres vom Deutschen Bundestag gesetzlich geregelt werden? Zur Diskussion hatte sich der SPD-Bundespolitiker hochkarätige Gäste eingeladen: die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, den Gesundheitspolitiker und stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Prof. Dr. Karl Lauterbach, den Facharzt für Onkologie und Hämatologie am Städtischen Klinikum Magdeburg Dr. Christoph Kahl sowie die SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Katrin Budde.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar‘, das ist der allererste und wichtigste Satz unseres Grundgesetzes“, eröffnete Burkhard Lischka die Diskussion. Dies beinhalte ein Leben in Würde, aber auch ein Sterben in Würde. Darüber jedoch, wie würdiges Sterben aussähe, gäbe es ganz unterschiedliche Ansichten und zum Teil sehr persönliche Antworten. „Für die einen besteht ein würdiges Sterben darin, dass der Körper selbst und nicht der Mensch den Todeszeitpunkt vorgibt“, so Lischka weiter. „Für die anderen gehört zu ihrer Würde, dass sie als Todkranke selbst entscheiden können, ob und wann sie ihr Leben beenden, wenn sie ihr Leid als unerträglich empfinden. Das ist ein unauflösbarer Konflikt.“

Katrin BuddeIn ihrem Eingangsstatement betonte Katrin Budde, das Thema Sterbehilfe mache sehr nachdenklich, es beschäftige uns als Einzelne meist nur, wenn eigene Angehörige und Freunde sterbenskrank seien. „Wer darf helfen, wenn ein geliebter Mensch wirklich leidet: nur Ärzte und Vereine?“, warf die SPD-Landesvorsitzende als Frage auf. Würde sich dadurch gar die eigene Einstellung zum Sterben und zur Sterbehilfe ändern? Sie betonte, dass es ihr wichtig sei, den Ärztinnen und Ärzten Rechtssicherheit zu geben, so dass Sie bei einem entsprechenden Willen des Patienten einen rechtlichen Rahmen für ihr Handeln hätten.

Karl LauterbachKarl Lauterbach wies eingangs darauf hin, dass es in Deutschland pro Jahr ca. 500 Fälle des assistierten Suizids, deren größter Teil von Ärzten begleitet werde, gäbe. Das Ziel aller vier vorhandenen Gruppenanträge im Deutschen Bundestag sei es, die rechtliche Lage der Ärztinnen und Ärzte eindeutig zu regeln. Denn auch wenn Ärzten hierzulande die Suizidassistenz strafrechtlich erlaubt sei, so drohe ihnen nach dem Standesrecht der Ärzteschaft entsprechend der Berufsordnungen in 10 von 17 Ärztekammern gegebenenfalls der Entzug der Approbation. Anschließend erläuterte der SPD-Gesundheitspolitiker die vier vorliegenden Gruppenanträge, über die der Deutsche Bundestag am 06. November 2015 abschließend berät und entscheidet. Weitgehende Einigkeit bestehe zumindest darin, dass die kommerzielle organisierte Sterbehilfe abgelehnt werde, weil niemand mit dem Leid und Tod anderer Menschen Profit machen solle. Die Unterschiede seien dennoch deutlich. Die Vorstellungen reichen demnach vom ausschließlichen Verbot kommerzieller Vereine bis hin zum generellen Verbot der Suizidhilfe durch Änderung des Strafrechts. Der Gruppenantrag zum „Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der ärztlich begleiteten Lebensbeendigung (Suizidhilfegesetz)“ u.a. von Peter Hintze, Carola Reimann, Karl Lauterbach und Burkhard Lischka ziele hingegen darauf ab, den jetzigen Flickenteppich an Standesregelungen zum ärztlich assistierten Suizid zu beseitigen, den Ärzten damit Rechtssicherheit zu verschaffen und ihnen benötigte Freiräume zu geben, um das Vertrauensverhältnis zu ihren Patienten zu stärken. Von anderen Gruppenanträgen vorgesehene Haftstrafen für die Suizidhelfer seien hingegen weit weg von der Meinung der Bevölkerung.

Landesbischöfin Ilse JunkermannLandesbischöfin Ilse Junkermann beklagte die heutige weitgehende Privatisierung und Tabuisierung des Themas Sterben. Es ginge dabei um die Frage nach unserem Menschenbild und unserer Identität. Aus christlicher Perspektive sei das Leben ein Geschenk und ein Fragment. „Der Gekreuzigte steht dafür, dass der Mensch die Teilung vom Leben nicht selbst bestimmt“, so Junkermann. Leben und Sterben lägen nicht in unserer Hand. Die Landesbischöfin erklärte weiter: „Die Würde des Menschen liegt darin, dass Gott uns einzigartig geschaffen hat. Der Mensch definiert sich über seine Einzigartigkeit und das In-Beziehung-sein. Jeder Tod, jedes Sterben ist individuell. Man kann Sterben nicht katalogisieren.“ Sie plädierte dafür, keine rechtliche Regelung zu schaffen, sondern den Ärzten die Möglichkeit zu geben, individuell zu handeln. Sie sprach sich für die Hilfe im Sterben -also die Sterbebegleitung-, aber gegen die Hilfe zum Sterben –also die Suizidhilfe- aus. Die Qualität einer Gesellschaft erkenne man daran, wie sie mit ihren Schwächsten und demnach auch mit den Sterbenden umgehe. Der Mensch sei mehr als das, was er leiste. Wertvoll mache uns vielmehr, dass Gott uns annehme. Deshalb stehe die Glaubensüberzeugung dem Leistungsgedanken entgegen.

Facharzt Dr. KahlFacharzt Dr. Kahl erläuterte die Ziele und Möglichkeiten der Medizin. Behandlungsziele austherapierter, sterbenskranker Patienten seien ein symptomkontrolliertes Sterben bei gleichzeitigem Erhalt der Lebensqualität. Er verwies auf eine EU-weite Umfrage darüber, welche Symptom-Ängste die Menschen mit Blick auf das Sterben hätten. Das wären zumeist die Angst vor Schmerzen, dann die Angst, Anderen zur Last zu fallen, und schließlich die Angst vor dem Ersticken. Wichtig sei den Menschen auch der Sterbeort. „Siebzig Prozent der Menschen möchten zu Hause sterben, doch nur die Hälfte dieser siebzig Prozent stirbt letztlich auch dort“, so der Mediziner. Die Sterbephase an sich dauere drei bis sieben Tage, so der Facharzt weiter. Der Anteil der Ärzte, die um ärztliche Suizidhilfe gebeten werden, sei indes gering. „Wichtig ist es“, so Dr. Kahl, „bei guter Gesundheit eine Patientenverfügung sowie eine Vorsorgevollmacht zu hinterlegen.“

Gastgeber Burkhard Lischka fragte die Landesbischöfin mit Blick auf ihre ablehnende Haltung zur Möglichkeit der ärztlichen Suizidhilfe, ob sie denn befürworte, dass dann gegebenenfalls sterbenskranke, leidende Patienten ins Ausland fahren. Einzelfallentscheidungen müssten in jedem Fall berücksichtigt werden, so Junkermann. Strafrechtliche Sanktionen dürfe es nicht geben. Sie bekräftigte: „Unsere Vorstellung vom Sterben ist nicht identisch mit dem Erleben der Sterbenden. Wir wissen nicht, wie es ist. – Warum sind sich manche so sicher, dass es ein besseres Sterben ist, wenn man einen Giftbecher nimmt, als fünf Tage im Sterben zu liegen?“ Es könne auch eine gute Erfahrung sein, im Sterben von den Ärzten, Pflegern und Angehörigen betreut und umsorgt zu werden, so die Landesbischöfin.