„Er hat was aus seinem Leben gemacht“ – Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard Lischka

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard LischkaAls Gerhard Schröder am 16. April 2013 um 18 Uhr das Kulturwerk Fichte in Magdeburg betritt, wird heftig applaudiert. Staatsmännisch und von Pressefotografen umringt schreitet Deutschlands früherer Bundeskanzler zur Bühne, gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Burkhard Lischka. Der Magdeburger SPD-Politiker hat ihn zur Talkrunde seiner Reihe „Lischka trifft …“ in die Landeshauptstadt eingeladen. Mit vierhundert Gästen ist der Andrang entsprechend groß, die Stimmung ausgelassen.

Wie gewohnt steigt Talkmaster Burkhard Lischka mit eher privaten Fragen in die Runde ein. Seit Schröders Frau Doris Mitglied des Niedersächsischen Landtages ist, müsse der Altkanzler früher aufstehen: um 6.30 Uhr. Er bringe morgens die beiden Kinder zur Schule, und deren Frühstücksbrote mache er auch. „Zu einem wirklich guten Hausmann werde ich nicht mehr. Aber was getan werden muss, das mache ich,“ gibt sich Gerhard Schröder pflichtbewusst. Ansonsten beschäftige er sich mit europäischer und internationaler Politik, sei häufig im Ausland auf Vortragsreisen unterwegs. Aus der aktuellen Politik der SPD halte er sich jedoch raus. Das sei denen überlassen, die jetzt Ämter und Mandate innehaben.

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard Lischka„Sieben Jahre Kanzler. Steiler Anstieg, steile Schlusskurve,“ so Burkhard Lischka. „Wie schätzt Du Deine Regierungszeit rückblickend ein?“, will der Gastgeber wissen. „Ich glaube, dass wir das Land vorangebracht haben. Ich sitze hier nicht als jemand, der Asche auf sein Haupt streuen müsste,“ resümiert der Altkanzler. Er spricht über die Fortschritte von Rot-Grün in der Integrationspolitik und über die Schwierigkeiten, vor denen Schröders Kabinett damals stand. Auch über die schwierigsten Entscheidungen seiner Kanzlerschaft: „Die heikelsten Momente sind immer die, in denen man Menschen in Gefahr bringt. Die Entscheidung, deutsche Soldaten nach Afghanistan zu schicken, ist eine der schwersten Entscheidungen gewesen,“ betont Gerhard Schröder sehr ernst. „Bringt das Amt des Regierungschefs auch ein Stück Einsamkeit mit sich?“, will Burkhard Lischka wissen.

„Man hat zwar gute Leute, aber die Entscheidungen muss man allein treffen, und das bringt schon ein Stück Einsamkeit. Da oben ist die Luft ganz schön dünn, aber ich habe nichts bereut,“ so Gerhard Schröder.

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard LischkaIn Anspielung auf die Vertrauensfrage des damaligen Bundeskanzlers im November 2001 in Verbindung mit der Abstimmung des Bundestages über die Beteiligung Deutschlands am Afghanistan-Einsatz und einige weitere Rücktrittsdrohungen fragt Burkhard Lischka den Altkanzler augenzwinkernd: „Waren diese Rücktrittsdrohungen ernst gemeint?“ Dieser entgegnet: „Natürlich war es ernst gemeint, um die Leute zur Disziplin zu bringen.“ – Und schiebt ebenso augenzwinkernd hinterher: „Es muss ernst daher kommen, aber es darf nicht so ernst sein, dass man es am Ende macht. Denn ich wollte ja nicht zurücktreten.“

„Warum geht es Deutschland besser als einigen Nachbarn?“, richtet sich Burkhard Lischka an den früheren Kanzler. Dieser betont, dies läge vor allem daran, dass wir unsere industrielle Kultur nie aufgegeben hätten. Neben den bekannten Großkonzernen sei unsere Wirtschaft gegründet auf einem gesunden Mittelstand, der Arbeitsplätze schaffe.

Als größtes Projekt seiner Kanzlerschaft gilt Gerhard Schröders Agenda 2010. Die Arbeitsmarktreformen trugen wesentlich dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit später wesentlich zurückging. Sie wurden international gelobt, werden innenpolitisch aber bis heute häufig kritisiert. „Wie bewertest Du heute die Agenda 2010?“, wendet sich Burkhard Lischka an Gerhard Schröder. Dieser entgegnet: „Ich habe immer gesagt, das sind nicht die zehn Gebote, und ich bin nicht Moses.“

„Hast Du Dir Gedanken über mögliche eigene Konsequenzen der Agenda 2010 gemacht?“, fragt der Moderator. „Ja, aber das darf nie entscheidend sein,“ bekräftigt der Altkanzler. „Es gab eine zeitliche Lücke zwischen der Agenda 2010 im Jahre 2003 und ihren positiven Auswirkungen drei bis fünf Jahre später.“

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard Lischka„Wie bewertest Du die Rettungspolitik der Regierung in der Eurokrise?“, will Burkhard Lischka wissen. „Wenn man wie Frau Merkel zunächst Griechenland-Bashing betreibt, dann bringt das ja niemand weiter, sondern trägt dazu bei, dass man ein Land gegen Deutschland in Stellung bringt. Sie hat damit viel von Deutschlands Renommee bei den Südländern verspielt. Je länger man eine Problemlösung vor sich her schiebt, um so teurer wird sie,“ kritisiert Gerhard Schröder indirekt die zunächst zögerliche Haltung der Bundesregierung.

Der Kern des Problems sei allerdings keine Währungskrise, weil der Euro stabil sei, sondern eine politische Krise in Europa. Mit Blick auf den Ursprung konstatiert er: „Der damalige französische Staatspräsident Francois Mitterand wollte, dass die D-Mark nicht zu stark wird. Dies mit dem Euro erreichen zu wollen, sei ein folgenschwerer Irrtum gewesen, weil damit eine Abwertung der Währung in schwächeren Volkswirtschaften nicht mehr möglich sei. Der Fehler von Helmut Kohl sei dessen Annahme gewesen, erst den Euro als gemeinsame Währung zu schaffen und dadurch eine politische Union zu erzwingen. „Das konnten wir nicht leisten,“ so Gerhard Schröder. Es werde darauf hinauslaufen, dass wir ein Europa der zwei Geschwindigkeiten bekommen. „Das heißt aber auch, dass Staaten wie England, die nicht in den Euroraum wollen, dann nicht mitentscheiden können. Ich glaube, dass sich dies gerade in Europa herumspricht.“

Angesprochen auf Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat, bekräftigt Gerhard Schröder: „Wenn er irgendwo auftritt, dann ging es seitens der Medien bis vor Kurzem nicht mehr um die Botschaft, sondern nur noch um die Frage, ob er irgendeinen Fehler macht. Das ist unfair. Die Art und Weise, wie mit ihm bis zum Parteitag in Augsburg umgegangen wurde, finde ich kritikwürdig.“ – Dem stimmt auch das Publikum mit starkem Applaus zu.

„Hat Peer Steinbrück eine Chance, nächster Bundeskanzler zu werden?“ fragt der Talkmaster. Sein Gast begegnet ihm mit einem Zitat: „Da gibt es doch diesen berühmten Satz von Luther, dass aus einem verzagten Arsch kein fröhlicher Furz kommt“ und hat damit die Lacher im Saal auf seiner Seite. Wahlkampf bedeutet vor allem Kampf, und Peer Steinbrück sei kein Verzagter.

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard Lischka„Welche Themen werden den Wahlkampf dominieren?“, will Burkhard Lischka wissen. – Europapolitik sei wichtig aber nicht die Wahl entscheidend, ist sich der Altkanzler sicher. Es werde um innenpolitische Themen gehen, wie zum Beispiel den von der SPD geforderten flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Außerdem werde es auch um die Frage gehen, wie wir mit Menschen mit Migrationshintergrund umgehen. „Wie lassen sich zugewanderte Facharbeiter integrieren? Wer da etwas anbietet, der wird erfolgreich sein,“ ist sich Gerhard Schröder sicher. Auch Fragen der Frauenpolitik. Die Union betreibe da gerade eine Mogelpackung. Das Wahlverhalten von tatkräftigen Frauen werde noch beeinflussend sein.

Längerfristig – in einem Zeitraum der nächsten zwanzig bis dreißig Jahre – werde es politisch um die Qualifizierung der jungen Menschen und den Zuzug von Einwanderern gehen, auch um die Alterung der Gesellschaft und die Frage, welche angemessenen Formen der Pflege und Betreuung wir finden, prognostiziert der Altkanzler.

Altkanzler Gerhard Schröder in Magdeburg zu Gast bei Burkhard LischkaAm Ende der Talkrunde bittet Burkhard Lischka seinen Gast wie üblich um die Vervollständigung dreier Sätze. „Von meiner Mutter habe ich gelernt …“ – „… zu kämpfen.“

„Mit Oskar Lafontaine werde ich mich versöhnen, wenn ….“ – „… er beichtet, Buße tut und Änderungen verspricht,“ schmunzelt Gerhard Schröder und erhält großen Publikumsapplaus.

„Über mich soll man mal sagen …,“ lautet die letzte Satzergänzung, die der Altkanzler mit den Worten füllt: „… er hat was aus seinem Leben gemacht.“

Bei anhaltendem Applaus beendet der Burkhard Lischka diese hochkarätig besetzte Runde und bedankt sich bei Gerhard Schröder mit einem riesigen Korb regionaler Köstlichkeiten aus Sachsen-Anhalt. Das Publikum dankt es den beiden mit anhaltendem Applaus – Gerhard Schröder für hochinteressante neunzig Minuten und dem Gastgeber Burkhard Lischka für die Einladung zu dieser Talkrunde mit Deutschlands früherem Bundeskanzler.

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