„Lischka trifft …“ – unterhaltsame Talkrunde mit Wolfgang Böhmer und Franz Müntefering

„Lischka trifft …“ – unterhaltsame Talkrunde mit Wolfgang Böhmer und Franz MünteferingSachsen-Anhalts früherer Ministerpräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer (CDU) und der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) waren am Freitag, den 22. März 2013 auf Stippvisite in Schönebeck. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka hatte die Beiden im Rahmen seiner Reihe „Lischka trifft“ in die mit rund 150 Gästen gut gefüllte Salzlandsparkasse eingeladen. „Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand,“ wollte der Moderator von Wolfgang Böhmer eingangs wissen. „Mit Gartenarbeit. Und ich helfe in der Küche, solange ich keinen Schaden anrichte,“ antwortete dieser augenzwinkernd. Wie sei der Übergang nach dem Ausscheiden aus dem Amt gewesen, fragte Burkhard Lischka weiter. „Wer engagiert war bei der Arbeit, dem fehlt etwas,“ so der 77-Jährige. „Da hat man erstmal Entzugserscheinungen und braucht etwas Zeit zum ‚Abtrainieren‘.“

Franz Müntefering, noch bis zum Herbst mit Bundestagsmandat, meinte mit Blick auf das Altern und seinen bevorstehenden Ruhestand: „Ich glaube, das Leben ist wie eine ballistische Kurve. Man kann sich darauf einstellen.“ In Richtung Publikum bekannte der SPD-Politiker: „Älter werden und alt sein ist schön. Wenn Sie morgens immer aufstehen und arbeiten, dann werden Sie alt.“ Sein Tipp zur Gesunderhaltung: „Ich nehme morgens Wechselbäder, warm und kalt. Dabei zähle ich bis 99.“ Und er schob schmunzelnd hinterher: „Aber Sie glauben gar nicht, wie schnell man zählen kann.“

Prof. Dr. Wolfgang BöhmerVom früheren Ministerpräsidenten wollte der Gastgeber wissen: „Wie sind Sie damals in die Politik gekommen?“ – „Als 1990 Landtagswahlen anstanden und ich zu dieser Zeit als Chefarzt im Wittenberger Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift arbeitete, wurde ich von zwei Leuten gefragt, ob ich denn nicht für den Landtag kandidieren wolle. Das sei so wie Bezirkstag. – Da habe ich gesagt: ‚O.K., das kenne ich, die tagen einmal pro Monat am Nachmittag, das schaffe ich.‘“ Den tatsächlichen Arbeitsumfang hätte er erst später ermessen. Zum Erstaunen des Publikums bekannte Wolfgang Böhmer dann, dass er nach dem Einzug in den Landtag noch längere Zeit nebenbei und „heimlich“ am Wochenende in der Klinik schwierige Fälle operierte.

„Was muss besser werden in der Politik, und wie lässt sich das Solidarprinzip erhalten,“ fragte Burkhard Lischka seine Gäste. Nötig sei ein „Konsens der Vernünftigen“, über Parteigrenzen hinweg, so Wolfgang Böhmer. Franz Müntefering mahnte an: „Wir brauchen die Bereitschaft zur Nachhaltigkeit und Entscheidungen, die über eine Wahlperiode hinausgehen.“ Im Hinblick auf die demografische Entwicklung seien langfristige Anpassungen notwendig, etwa im Bereich der Arbeits- und Sozialpolitik. „Wir dürfen den jungen Menschen nicht alles vor die Tür kippen, sondern haben auch eine Mitverantwortung für die nächsten Generationen,“ bekräftigte der SPD-Politiker. Der Sozialstaat könne nur funktionieren, wenn wir darauf achten, dass sich die Generationen gegenseitig nicht zu viel zumuten. Wir müssten dafür Sorge tragen, dass einerseits die jungen Menschen eine ordentliche Ausbildung und gute Arbeit bekommen und andererseits die älteren Menschen nicht zu früh in Rente gehen.

Enttäuscht zeigte sich der frühere Ministerpräsident über die sinkende Wahlbeteiligung: „1990 sind rund 95% zur Wahl gegangen, bei der letzten Landtagswahl waren es nur 54%. „Demokratie geht nur mit Demokraten. Das heißt aber auch, dass die Menschen mitmachen müssen, zumindest bei der Wahl,“ so Böhmers Appell.

Franz MünteferingVon Burkhard Lischka auf Gerhard Schröders Agenda 2010 angesprochen, verteidigte Franz Müntefering die Reformen der rot-grünen Bundesregierung: „In den 1990er Jahren haben sich die Politiker sehr sicher gefühlt, dass alles im Guten weitergeht. 1998/1999 haben wir festgestellt, dass einiges geändert werden muss. Deshalb haben wir unter anderem eine Rentenreform mit der Berücksichtigung des demografischen Aspekts angeschoben. Auch die betriebliche Altersversorgung hat wichtige Impulse gebracht.“ Gerhard Schröders Agenda 2010 sei auch viel mehr gewesen als Hartz IV. Sie beinhaltete beispielsweise die Förderung energetischer Gebäudesanierung, finanzielle Mittel für die 1998 von Rot-Grün beschlossene Energiewende und ein Programm für Ganztagsschulen. „Wir hatten damals 400 Tausend bis 500 Tausend Sozialhilfeempfänger,“ so Franz Müntefering weiter. „Die SPD war der Ansicht, dass es zumutbar ist, dass sie Arbeit suchen. Deshalb haben wir sie aus der Sozialhilfe rausgeholt und ihnen die Maßnahmen der Arbeitsmarktförderung ermöglicht.“ Von Burkhard Lischka nach seiner Einschätzung der Agenda 2010 gefragt, entgegnete der frühere Ministerpräsident: „Gerhard Schröder war damals ein sehr mutiger Mann.“

Lischkas Satzergänzung „Wenn ich nächstes Jahr Angela Merkel in Herne treffe …“ vervollständigte Müntefering so: „ … dann sage ich ihr, dass ich mich freue, dass wir jetzt beide Rentner sind.“ Der CDU-Mann beendete Lischkas Satz „Wenn ich mal Peer Steinbrück in Wittenberg treffe …“ mit den Worten: „… dann sage ich: ‚Mein Lieber, Du hast zwar Recht, aber darfst nicht alles laut sagen‘,“ und hatte die Lacher auf seiner Seite.