Nachlese zur Talkrunde mit Andrea Nahles und Katrin Budde

Talkrunde mit Andrea Nahles und Katrin BuddeVoller Saal am 20. Oktober 2015 im Magdeburger Gartenhaus im Stadtpark. Rund 150 Interessierte waren der Einladung des Bundestagsabgeordneten Burkhard Lischka zu seiner Talkrunde zum Thema „Gute Arbeit, starke Wirtschaft“ gefolgt. Und das nicht ohne Grund, der SPD-Politiker hatte sich mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und der SPD-Landes-und Fraktionsvorsitzenden Katrin Budde gleich zwei hochkarätige Gäste auf’s Podium eingeladen. Wie sieht die Zukunft der Arbeitswelt aus? Was ist gute, gerechte Arbeit? Wie findet Sachsen-Anhalt zu größerer wirtschaftlicher Stärke? Und was kann Politik dazu beitragen? – Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussionsrunde.

Talkrunde mit Andrea Nahles und Katrin BuddeIn ihrem Eingangsstatement schilderte die Bundesarbeitsministerin ihre jüngsten Begegnungen mit US-amerikanischen Arbeitgebern und Beschäftigten im Silicon Valley, wo Konzerne wie apple, google und facebook zu Hause sind. Es gäbe dort für die Angestellten zwar dreimal am Tag kostenlose Mahlzeiten, verlange aber auch, „dass man sich dem Laden mit Haut und Haar verschreibt“, so Andrea Nahles. Arbeit sei jedoch nicht alles im Leben, es gäbe auch ein Leben außerhalb des Arbeitens. Ihr sei es wichtig, diese Einstellung zu erhalten. Im Zeitalter der Digitalisierung sei dies jedoch nicht mehr selbstverständlich – Stichwort: ständige Erreichbarkeit der Arbeitnehmer via Handy und Emails -, weshalb neue Verabredungen nötig seien. Dazu nannte sie einige Beispiele aus der Wirtschaft. BMW hätte beispielsweise Heimarbeit ermöglicht und VW hätte erklärt, freitags ab 16.00/17.00 Uhr keine E-Mails mehr zu verschicken. Bosch wiederum hätte im Einvernehmen mit der IG Metall beschlossen, den Beschäftigten zu ermöglichen, eher nach Hause zu gehen, um sich um die eigenen Kinder zu kümmern, um dann später am Abend weiter am PC zu arbeiten. Die Arbeitswelt sei insgesamt im Umbruch, feste Arbeitszeiten etwa gerieten ins Rutschen. Andrea Nahles betonte: „Dazu müssen wir neue Kompromisse aushandeln, mit Regeln, die Flexibilität ermöglichen, aber nicht krank machen.“ Dazu habe sie den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ gestartet, bei dem mit Organisationen, Experten und der Öffentlichkeit über verschiedene Fragen der zukünftigen Arbeitswelt diskutiert werde. Die Berliner Politik könne keine allgemeinverbindlichen Regeln, die auf alle Betriebe passen, aufstellen. Dies sei Aufgabe der Tarifpartner. Aufgabe der Politik sei es vielmehr, solche Dialoge anzustoßen, zu begleiten und „hier und da einzelne Leitplanken einzuziehen“, so die Bundesarbeitsministerin. Ein Dorn im Auge seien ihr so genannte neue Arbeitgeber, die sich weigerten, sich als solche zu bezeichnen, etwa „Helpling“, „Airbnb“ und „facebook“, über deren Internetplattformen Menschen als Selbstständige arbeiten. Diese Plattformen veränderten ganze Stadtteile und den Wohnungsmarkt auf der ganzen Welt, beschäftigte Hunderttausende von Menschen, aber die Frage, wer denn für die Altersversorgung dieser Kleinstselbstständigen aufkommen, werde der Gemeinschaft überlassen. Über Steuern lasse sich dies nicht regeln, weil diese Konzerne ihre Steuern nicht in Deutschland zahlen. Solche Konzerne wollten keine Verantwortung für die Menschen, die für sie arbeiten, übernehmen, aber auch keine Steuern zahlen wollen, damit Andere die Verantwortung übernehmen können. „Dies ist ein Weg, den wir hier in Europa mit unserem Begriff von sozialer Marktwirtschaft nicht übereinbringen können“, bekräftigte Andrea Nahles. „Ich möchte nicht, dass Europa einfach Silicon Valley kopiert, sondern dass wir unseren eigenen Einstieg in die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter mit sozialem Antlitz finden“, so Andrea Nahles unter dem Applaus des Publikums. Denn Eines würde sie nicht zulassen: den einzelnen Menschen schutzlos machen und Scheinselbstständigkeit zulassen. Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung hätte sie indes nicht, denn die Geschichte hätte gezeigt, dass immer wieder neue Arbeitsplätze entstehen. Sorge bereite ihr jedoch, möglichst viele Beschäftigte für die neue, komplexere Arbeitswelt zu qualifizieren. „Wir müssen massiv investieren, um die Menschen fit zu machen für die berufliche Zukunft. Gemeinsam mit den Unternehmen, den Beschäftigten und den Politikern im Land und den Kommunen können und werden wir es schaffen, die Menschen ordentlich auszubilden, weiterzubilden und für die Jobs von morgen zu qualifizieren“, so die Bundesministerin.

Talkrunde mit Andrea Nahles und Katrin BuddeDie SPD-Landesvorsitzende Katrin Budde ging in ihrem Statement auf die veränderten Lebensentwürfe junger Menschen ein. So hätten die heranwachsenden Generationen häufig eine andere Vorstellung vom Arbeiten. Für viele ist Arbeit nur ein Baustein der gesellschaftlichen Teilhabe und nur ein Schlüssel für Anerkennung. Gute Arbeit bedeute für sie: Anerkennung durch Leistung, faire Löhne, starke Sozialpartnerschaft, funktionierende Tarifautonomie, gesunde Arbeit und Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten und neue Lebensarbeitszeitmodelle, variable Renteneintrittsmöglichkeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Möglichkeit zum Leben neben der Arbeit.

Weiterhin betonte Katrin Budde, dass die Sicherung der Fachkräfte in Sachsen-Anhalt ein wichtiger Schwerpunkt des Regierungsprogramms sei. „Zu Beginn dieses Ausbildungsjahres hatten wir 1.200 offene Stellen, und im Jahr 2020 werden uns voraussichtlich 80.000 Fachkräfte fehlen“, so die SPD-Landesvorsitzende. Eine einfache Debatte darüber reiche nicht aus. Viele Ansätze müssten gleichzeitig verfolgt werden. Ein wichtiger Schlüssel sei die Bildung, um gut ausgebildete junge Menschen in die Unternehmen schicken zu können. Positiv zu bewerten sei da vor allem die duale Ausbildung. „Wir brauchen weiterhin Forschung und Entwicklung, um Arbeitsplätze generieren und anbieten zu können. Und wir müssen auch hinhören, was junge Menschen wollen“, so Katrin Budde. „Wir wollen dazu beitragen, dass außerhalb unseres Bundeslandes ein besseres Bild von Sachsen-Anhalt entsteht“, zeigte sich die SPD-Landesvorsitzende entschlossen. Sachsen-Anhalt sei das am meisten unterschätzte Bundesland. Wir hätten sehr gute Unternehmen im Land, aber die seien oft nicht so gut gelistet. Wir bräuchten deshalb neue Wege für ein besseres Image, wozu auch die Unternehmen selbst gefordert seien. Zu Stärkung der Wirtschaft wolle die SPD außerdem verstärkt Fördermöglichkeiten nutzen und auch selbst Programme auflegen. „Wir brauchen eine neue Ansiedlungsoffensive wie in den 1990er Jahren, um die Unternehmensdichte in Sachsen-Anhalt zu erhöhen“, so Budde weiter. Das betreffe auch die Daseinsvorsorge im ländlichen Raum, wo wir viele kleine Unternehmen benötigten.

Die Initiative www.cams21.de hat die Talkrunde freundlicherweise gefilmt. Sehen Sie sich hier das Video dazu an: http://cams21.de/20-10-2015-magdeburg-lischka-trifft/

Veröffentlicht am:
21. Oktober 2015

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Aktuelles

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