Talkrunde „Lischka trifft …“ mit Wolfgang Böhmer, Gregor Gysi und Wolfgang Tiefensee

Talkrunde „Lischka trifft …“ mit Wolfgang Böhmer, Gregor Gysi und Wolfgang Tiefensee am 29.09.2014 in MagdeburgDie Lichthöfe der Firma regiocom in Magdeburg waren am Montagabend mit rund 230 Leuten bis auf den letzten Platz gefüllt. Dorthin hatte der SPD-Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka zu einer neuen Talkrunde seiner Reihe „Lischka trifft …“ eingeladen. „25 Jahre nach der Wende“ lautete das Thema des Abends. Dazu hatte der Talkmaster drei hochkarätige Gäste auf der Bühne: Sachsen-Anhalts früheren CDU-Ministerpräsidenten Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, den SPD-Bundestagsabgeordneten und früheren Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee und den Vorsitzenden der Fraktion die Linke im Bundestag Dr. Gregor Gysi. Alle drei stammen aus der früheren DDR, wuchsen dort auf und übernahmen nach der Wende in unterschiedlichen politischen Parteien und Funktionen Verantwortung.

„Wie würden Sie einem Jugendlichen die DDR erklären?“, so die Eingangsfrage des Moderators.

Talkrunde „Lischka trifft …“ mit Wolfgang Böhmer, Gregor Gysi und Wolfgang Tiefensee am 29.09.2014 in MagdeburgGregor Gysi gestand schmunzelnd: „Ich habe schon versucht, die DDR meiner 18jährigen Tochter zu erklären und bin gescheitert.“ Wolfgang Böhmer bescheinigte: „Wir wollten besser sein als die Anderen und haben es nicht geschafft.“ „Ich habe wunderbare Jahre in der DDR erlebt und nie daran gedacht, das Land zu verlassen“, so Wolfgang Tiefensee im Rückblick. „Aber es blieb ein Käfig, viele demokratische Rechte waren nicht vorhanden.“

Einigkeit bestand bei den Talkgästen darin, die DDR als Diktatur zu bezeichnen. Sachsen-Anhalts früherer Landesvater schilderte: „Ich hatte vergeblich versucht, meinem Lehrer zu erklären, dass die höchste Form der Demokratie nicht eine Diktatur – die Diktatur des Proletariats – sein kann.“ Wolfgang Tiefensee erinnerte daran, dass auch die früheren Ostblockstaaten „die Freiheit für uns mit erstritten haben – darunter die Tschechen mit dem Prager Frühling und die Polen mit der Gewerkschaft Solidarnosc.“ Wir dürften diese Staaten deshalb nicht vergessen und hätten ihnen gegenüber eine Bringschuld. Gregor Gysi gab indes an: „Ich habe 1961 als 13-Jähriger gedacht, die Mauer steht nicht länger als zwei Monate. Und 1989 hatte ich nicht gedacht, dass sie fällt.“ Vom Moderator auf seine frühere Tätigkeit als Rechtsanwalt von Systemkritikern wie Robert Havemann, Bärbel Bohley und Rudolf Bahro angesprochen, erläuterte Gregor Gysi die damaligen Schwierigkeiten seines Jobs: „Meine Aufgabe als Anwalt war es nicht nur, deren Interessen zu vertreten, sondern auch das Zentralkomitee der SED davon zu überzeugen, dass es Vorteile hätte, wenn es sich so oder so verhalte.“ Wolfgang Tiefensee betonte: „In der DDR gab es keine Verwaltungsgerichtsbarkeit. Man konnte nur Eingaben schreiben. Eine gegenseitige Überprüfung und Kontrolle durch verschiedene Instanzen war nicht möglich.“

Talkrunde „Lischka trifft …“ mit Wolfgang Böhmer, Gregor Gysi und Wolfgang Tiefensee am 29.09.2014 in MagdeburgIn den Schilderungen der Talkgäste wurde auch die Erinnerung an die Massendemonstrationen im Oktober 1989 und an den 09. November 1989 – den Tag der Maueröffnung – wieder lebendig. Wolfgang Böhmer erklärte dazu: „Ich bin am 08. November nach Hannover zu einer medizinischen Fachtagung gefahren. Einen Tag später fiel die Mauer, das habe ich im Hotel am Fernseher verfolgt.“ Augenzwinkernd schob er hinterher: „Als ich tags darauf zurückkam, wollte niemand mehr meinen Reisepass sehen. Ich habe bis heute keinen Stempel über die Wiedereinreise in die DDR.“

Veröffentlicht am:
30. September 2014

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